Kompetenzorientiert bewerten: Was Kritiker einwenden und was KI daran ändert
Die Mittagspause im Sankt Afra in Meißen war viel zu kurz. Wir saßen zu dritt in einer äußerst kreativen Umgebung und kamen vom Thema KI auf den Begriff Kompetenz. Am Abend schickte mir Maria Degkwitz per WhatsApp Scans aus einer Mappe mit Kopien: Aufsätze aus Fachzeitschriften, zwei Artikel aus der FAZ und das Manuskript eines Vortrags, alle zwischen 2009 und 2014 erschienen, am Rand Notizen in blauer Tinte. Maria hat an Sankt Afra einen „Club der Ineffizienten“ gegründet, in dem es keine Noten gibt (Sächsische Zeitung, 2017). Dass sie Texte über den Kompetenzbegriff sammelt, passt dazu. Alle Texte der Mappe kreisen um dieselbe Frage: Was taugt der Begriff Kompetenz in der Schule?
Ich habe das als jemand gelesen, der selbst kompetenzorientierte Raster und Tools baut. Bequem war die Lektüre nicht. Einige Einwände sind über zehn Jahre alt und klingen heute, mit KI im Klassenzimmer, dringender als damals.
Was die Kritiker am Kompetenzbegriff stört
Der Erziehungswissenschaftler Klaus Schaller nennt Kompetenz 2009 ein „Mantra im pädagogischen Diskurs der Gegenwart“. Er zitiert eine Auszählung der Literaturdatenbank Berufliche Bildung: Für die Jahre 2004 bis 2008 kommt in jedem fünften erfassten Titel „Kompetenz“ oder ein zusammengesetztes Wort damit als Schlagwort vor. Ein Begriff, der überall passt, sagt irgendwann wenig. Schallers Hauptvorwurf geht tiefer. Die Pädagogik habe von der alten Idee nur den Teil übernommen, der „operationalisierbar, messbar und handhabbar“ ist, und den Rest liegen lassen.
Jochen Krautz, Kunstpädagoge, fragt im selben Jahr, ob Bildung zur Anpassung wird. Er stellt fest, dass bildungspolitische Fragen mit Rezepten beantwortet werden, die nicht aus der Pädagogik stammen, sondern weitgehend aus der Ökonomie. Als Beispiel nennt er das Jahresgutachten des Aktionsrats Bildung vom Februar 2008. Dort steht unter anderem Englisch im Kindergarten auf der Liste, außerdem befristet eingestellte und leistungsbezogen bezahlte Lehrer.
2013 legen Krautz und die Ökonomin Silja Graupe in der FAZ nach. Pisa vergleiche die Fähigkeiten von Schülern in über 30 Ländern. Schon die erste Studie von 2000 habe offen gesagt, dass sie sich dabei nicht an Bildungstraditionen, Verfassungen und Richtlinien der Länder orientiert, sie folge einem eigenen Konzept. Die OECD behandle individuelle Fähigkeiten als eine Form von Kapital. Lesekompetenz heiße dort vor allem, Informationen so zu nutzen, dass man in Gesellschaft und Wirtschaft funktioniert.
Die dritte Kritik kommt aus den Hochschulen. Peter Wex schreibt 2012 in der FAZ, an deutschen Hochschulen würden angeblich millionenfach „fächerübergreifende Kompetenzen“ geprüft, und nennt das ein mechanisches Selbstlob der Hochschulen und ihrer Reformer. Volker Heyse, der selbst zu Kompetenzentwicklung forscht und Verfahren dafür mitentwickelt hat, greift das auf. Über Kompetenzen werde „mehrdeutig, verschwommen und unverbindlich“ gesprochen, schreibt er. Bis auf Ausnahmen würden sie in den Modulhandbüchern weder beschrieben noch verbindlich entwickelt, geprüft oder zertifiziert.
Diese Autoren sind sich nicht in allem einig. Gemeinsam ist ihnen der Verdacht, dass mit dem Wort Kompetenz mehr versprochen als geprüft wird.
Kompetenz sieht man nicht, man schließt aus der Leistung auf sie
Die Definition, auf die sich die Bildungsstandards der KMK stützen, stammt von Franz Weinert (2001). Kompetenzen sind danach Fähigkeiten und Fertigkeiten, um Probleme zu lösen, zusammen mit der Bereitschaft, diese Lösungen „in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll“ zu nutzen. Kompetenz ist also etwas, das jemand kann, auch wenn er es gerade nicht tut.
Schaller stellt dafür eine Tabelle auf, die bei Aristoteles beginnt: Möglichkeit und Wirklichkeit, Wissen und Handeln, ganz unten Competence und Performance nach dem Sprachwissenschaftler Noam Chomsky. Der Berner Erziehungswissenschaftler Walter Herzog hält Weinerts Definition 2018 vor, dass sie diesen Unterschied übergeht. Für die Notengebung ist diese letzte Zeile die wichtigste. Als Lehrer sehe ich nie die Kompetenz eines Schülers. Ich sehe eine Leistung, also einen Text, einen Vortrag oder eine gelöste Aufgabe, und schließe daraus zurück, was er kann. Das geht nur gut, wenn die Leistung wirklich von ihm stammt. Bei einer abgeschriebenen Hausaufgabe war das auch früher nicht so, aber das kam selten vor und fiel meistens auf.
KI liefert die Leistung ohne die Kompetenz
Mit KI kommt das jeden Tag vor. Ein Chatbot schreibt in einer Minute eine Erörterung, die im Raster bei „kann eigene Positionen begründen“ grün bekommt. Die Leistung ist da, ob der Schüler sie erbracht hat, sagt sie nicht. Was ich im Beitrag Kompetenzraster und KI über das Ausfüllen von Rastern geschrieben habe, gilt hier erst recht. Das Raster sieht nur das Ergebnis.
Wie weit Leistung und Können auseinanderlaufen, hat ein Experiment mit knapp 1.000 Schülern einer türkischen Oberschule gezeigt (Bastani u. a., 2025). Eine Gruppe übte Mathematik mit dem normalen ChatGPT, eine Kontrollgruppe ohne KI. Beim Üben waren die Schüler mit ChatGPT besser. In der Prüfung danach, ohne KI, bekamen sie 17 Prozent schlechtere Noten als die Kontrollgruppe. Eine dritte Gruppe bekam eine Version, die nur Hinweise gab und keine fertigen Lösungen. Sie schnitt in der Prüfung so ab wie die Kontrollgruppe.
Wex hat den Hochschulen 2012 vorgeworfen, sie bescheinigten Kompetenzen, die niemand erbracht hat. Wer heute ein mit KI geschriebenes Referat nach Kompetenzen bewertet, kann in dieselbe Lage kommen, ohne es zu merken. Auf dem Bewertungsbogen steht „kann Informationen strukturiert darstellen“, und das stimmt dann für den Chatbot.
Die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK) verlangt 2024, dass eine Prüfung „die Leistung der Lernenden misst, nicht die Qualität des Produkts“. Bei einem Text, der zu Hause entstanden ist, lässt sich das kaum noch trennen.
In einem Punkt gebe ich den Kritikern von 2009 recht. Was sich leicht messen lässt, ist mit KI am leichtesten zu erzeugen. Ein fertiger Text, eine gegliederte Präsentation und eine korrekt gelöste Standardaufgabe gehören dazu.
Was daraus für die Note folgt
Den Kompetenzbegriff abzuschaffen hilft mir nicht. Lehrpläne und Zeugnisse sind kompetenzorientiert, und ich muss danach bewerten. Die KMK hat den Begriff 2022 bei der Überarbeitung der Bildungsstandards für Deutsch und Mathematik beibehalten. Aus der Kritik nehme ich trotzdem vier Dinge mit.
Prüfen, ob es in einer neuen Situation besteht
Weinert spricht von variablen Situationen. Ob ein Schüler etwas kann, zeigt sich, wenn er es auf einen Fall anwenden soll, den er nicht vorbereitet hat. Ich mache das im Fachgespräch mit fünf Nachfragen: Wiedergeben und Erklären schafft man mit guten KI-Stichpunkten, beim Übertragen und Urteilen hilft das kaum noch. In der Grundschule reicht oft schon die Bitte, das eigene Lapbook zu erklären. Im Musikunterricht ist das gemeinsame Spielen so eine Situation. Wie ich das mit Boomwhackern mache, steht im Praxisartikel Kompetenzen im Musikunterricht auf bimbadi. Die KMK empfiehlt seit 2024 ebenfalls, die Bewertung „weg von der Produkt- hin zur Prozessorientierung“ zu verschieben, mit Formaten, in denen Schüler ihre Arbeit präsentieren und verteidigen.
Wissen wieder ernst nehmen
Ein Teil der Kritik richtet sich gegen die Idee, Wissen sei weniger wert, solange man weiß, wo es steht. Mit KI kehrt sich das um. Wer eine KI-Antwort prüfen will, braucht Fachwissen, sonst merkt er die Fehler nicht. In einer Befragung von Microsoft Research und der Carnegie Mellon University unter 319 Berufstätigen dachten nach eigener Auskunft diejenigen eher kritisch nach, die sich zutrauten, KI-Antworten selbst zu beurteilen (Lee u. a., 2025). Wer der KI bei einer Aufgabe viel zutraute, prüfte weniger.
Als Lehrer habe ich dieses Wissen. Ich sehe, wenn ein Datum nicht stimmt oder ein Begriff falsch verwendet wird. Dem Schüler fehlt es, denn er soll es ja gerade erst lernen. Das macht es so schwer. Er müsste die Antwort mit dem Wissen prüfen, das er sich durch die Antwort sparen will.
Was man dauerhaft abgibt, verlernt man. In der Arbeitsforschung heißt das Deskilling. Bei Ärzten gibt es dafür einen ersten Beleg: Nachdem in vier polnischen Kliniken KI bei der Darmspiegelung eingeführt worden war, fanden die Ärzte bei Untersuchungen ohne KI seltener Adenome, also mögliche Vorstufen von Darmkrebs, als vorher (Budzyń u. a., 2025). Schüler verlernen dabei meist nichts, weil sie es noch gar nicht gelernt haben. Ich denke das manchmal weiter: Die Bücher sind aus den Regalen verschwunden, das Internet von heute ist vergessen, und es gibt nur noch KI, weil sie ja alles weiß. Wer kann dann noch prüfen, ob etwas stimmt? Es fehlen das Wissen zum Prüfen und die Quellen, an denen man prüfen könnte.
Abgefragtes Wissen darf deshalb in die Note, ohne dass ich mich dafür rechtfertigen muss. Es ist die Grundlage dafür, dass jemand einer KI widersprechen kann. Der Lehrer Hendrik Haverkamp, der sich mit Prüfungskultur beschäftigt, sagt, Schüler müssten mit KI „nicht weniger wissen, eher mehr“.
Beschreiben, was ich gesehen habe
Heyses Vorwurf, über Kompetenzen werde verschwommen gesprochen, trifft auch Zeugnisse und Rückmeldungen. „Zeigt Teamfähigkeit“ sagt wenig. „Hat in der Gruppe den Zeitplan gemacht und zweimal nachgefragt, als die anderen nicht weiterkamen“ sagt mehr. Dafür muss ich beobachten und notieren, solange ich es noch weiß. Wie das in der Sekundarstufe gehen kann, steht im Beitrag Wortbewertung in der Sekundarstufe.
Die Note bescheiden lesen
Eine Note ist ein Rückschluss aus wenigen Leistungen. Sie sagt, was jemand in dieser Arbeit oder diesem Gespräch gezeigt hat, und weniger darüber, was er insgesamt kann. Das war schon vor KI so. Jetzt ist es schwerer zu übersehen. Die KMK hält 2024 fest, Leistungsbewertung sei und bleibe eine „pädagogische und hoheitliche Aufgabe“ der Lehrer. Den Rückschluss nimmt mir also keine KI ab.
Eine Note beschreibt, was jemand gezeigt hat. Was er kann, bleibt ein Rückschluss.
Wo ich den Kritikern nicht folge
Die Texte in der Mappe sind streng, vor allem die von Krautz und Graupe. Die wirtschaftliche Herkunft des Kompetenzbegriffs ist gut belegt. Daraus folgt für mich aber nicht, dass jede kompetenzorientierte Aufgabe der Wirtschaft dient. Eine Aufgabe, bei der ein Schüler Gelerntes anwenden muss, ist mir lieber als eine, bei der er Auswendiggelerntes wiedergibt. Kompetenzorientierung hat auch dazu geführt, dass Kriterien offengelegt werden, bevor bewertet wird. Darauf will ich nicht verzichten.
Auch Befürworter sehen, dass vieles nicht angekommen ist. Olaf Köller, Ko-Vorsitzender der SWK, sagte 2024, der Umsetzung sei „die Puste ausgegangen“. Die Klassenarbeiten, die für eine Zusatzstudie zu Pisa 2022 gesammelt wurden, bestanden überwiegend aus Routineaufgaben, wie schon 2003. Kompetenzorientiert bewertet wird im Alltag also seltener, als die Lehrpläne es nahelegen.
Was ich übernehme, ist das Misstrauen gegen Häkchen. Eine Kompetenz steht nicht im Raster, nur weil ein Feld grün ist. Mit KI muss ich das öfter nachprüfen als früher, am besten im Gespräch.
Quellen
Aus der Mappe
Die Texte sind urheberrechtlich geschützt. Hier stehen nur die Angaben, damit du sie in einer Bibliothek oder über den Verlag findest.
- Klaus Schaller: Zauberformel »Kompetenz«. In: Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik 85 (2009), Heft 4, S. 389–412
- Jochen Krautz: Bildung als Anpassung? Das Kompetenz-Konzept im Kontext einer ökonomisierten Bildung. In: Fromm Forum Nr. 13/2009, S. 87–100 (Vortrag vom Oktober 2008)
- Silja Graupe, Jochen Krautz: Anpassung an eine Scheinwelt. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.12.2013, Nr. 284, S. 7
- Peter Wex: Das leere Versprechen der Kompetenzprüfung. Selbsttäuschung der Universitäten. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3.10.2012
- Volker Heyse: Entwickeln deutsche Hochschulen wirklich kompetente Fachleute? Manuskript, erschienen in: Volker Heyse (Hrsg.): Aufbruch in die Zukunft. Münster: Waxmann 2014, S. 201–212
- Franz E. Weinert: Vergleichende Leistungsmessung in Schulen – eine umstrittene Selbstverständlichkeit. In: ders. (Hrsg.): Leistungsmessungen in Schulen. Weinheim: Beltz 2001, S. 17–31
Ebenfalls in der Mappe: Ursula Frost, Markus Rieger-Ladich (Hrsg.): Demokratie setzt aus. Gegen die sanfte Liquidation einer politischen Lebensform. Paderborn: Schöningh 2012, und Malte Brinkmann: Üben: Wissen – Können – Wiederholen. In: Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik 85 (2009), Heft 4, S. 413ff.
Neuere Quellen
- Dominique Bielmeier: Die andere Lehrerin. Sächsische Zeitung, 3.12.2017 (für Abonnenten)
- Walter Herzog: Kompetenzen für die Zukunft? Eine Kritik am Lehrplan 21. In: Schweizerische Zeitschrift für Bildungswissenschaften 40 (2018), Heft 2, S. 503–519
- KMK: Bildungsstandards im Fach Deutsch, Implementationsbroschüre (Standards vom 23.06.2022)
- Ständige Wissenschaftliche Kommission der KMK: Large Language Models und ihre Potenziale im Bildungssystem. Impulspapier, Januar 2024, S. 17
- KMK: Handlungsempfehlung für die Bildungsverwaltung zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz in schulischen Bildungsprozessen, 10.10.2024
- Hamsa Bastani u. a.: Generative AI without guardrails can harm learning: Evidence from high school mathematics. In: PNAS 122 (2025), Nr. 26
- Hao-Ping Lee u. a.: The Impact of Generative AI on Critical Thinking. CHI 2025
- Krzysztof Budzyń u. a.: Endoscopist deskilling after exposure to artificial intelligence in colonoscopy: a multicenter observational study. In: The Lancet Gastroenterology & Hepatology 10 (2025), Heft 10, S. 896–903
- Olaf Köller im Interview: Was jetzt aus Pisa 2022 folgen muss. Deutsches Schulportal, 26.01.2024
- Hendrik Haverkamp: KI und Schule: Wie sich Prüfungsaufgaben jetzt verändern müssen. Deutsches Schulportal, 18.10.2024
Ich danke Maria Degkwitz vom Landesgymnasium Sankt Afra für die Lektüre und die interessanten Gespräche. Ebenso danke ich meiner Kollegin aus dem MPZ Meißen, die sich gerade selbst mit dem Thema beschäftigt, für ihre Gedanken dazu.