Lapbook bewerten: Was ein Kind verstanden hat, zeigt sich im Gespräch
Ein Junge aus der vierten Klasse legt sein Lapbook auf den Tisch und klappt es auf. Er zeigt auf eine kleine Drehscheibe, dreht sie einmal durch und erklärt, warum das Wasser aus dem Meer nach oben steigt und als Regen wieder herunterkommt. Bei der Verdunstung stockt er kurz, sucht das Wort, findet es und redet weiter.
Nach diesen zwei Minuten weiß ich mehr über seinen Lernstand als nach jeder Klassenarbeit. Wie schön sein Lapbook geworden ist, spielt dabei keine Rolle. Er kann mir erklären, was drinsteht, und darauf kommt es an.
Daneben liegt ein zweites Lapbook, sauberer geschnitten und ordentlicher beschriftet. Auf den ersten Blick ist es das bessere. Beim Erklären kommt der zweite Junge aber über den ersten Satz nicht hinaus. Die Karten sind dicht beschrieben, verstanden hat er gar nichts.
Warum das Basteln beim Lernen hilft
Ein Lapbook entsteht mit Schere, Papier und Kleber, nicht am Bildschirm. Seit ein Chatbot jeden Text in Sekunden liefert, ist das ein Vorteil.
Wer einen Sachverhalt in eine Klappkarte bringen will, muss ihn vorher verstanden haben. Er muss auswählen, ordnen und kürzen: Was passt in ein kleines Faltbuch? Welche drei Begriffe kommen auf die Drehscheibe? Diese Entscheidungen nimmt dem Kind niemand ab, und in ihnen steckt der Lernprozess.
Ich habe nichts gegen digitale Werkzeuge. Analog zu arbeiten ist hier eine didaktische Entscheidung. In der Fachdidaktik gilt die Lapbook-Methode als handlungsorientiert: Sie unterstützt individuelles und selbstbestimmtes Lernen und stärkt den persönlichen Bezug zum Thema. Nebenbei üben die Kinder beim Schneiden, Falten, Malen und Schreiben Feinmotorik, Konzentration und Hand-Auge-Koordination.
Bewertet wird trotzdem der Inhalt. Der Lehrplan verlangt Wissen über das Thema, keine Bastelfertigkeit. Das Gestalten ist der Weg dorthin, und wer ein Lapbook ernsthaft gestaltet, muss sich mit dem Inhalt beschäftigen.
Was das Gespräch über das Lapbook zeigt
Der wichtigste Moment ist deshalb das Gespräch über das Lapbook, wichtiger als die Abgabe oder das Foto fürs Portfolio.
Wenn ein Kind sein Lapbook vorstellt, sich durch die Klappen arbeitet und auf Nachfragen antwortet, höre ich, was angekommen ist. Der Friedrich-Verlag beschreibt Lapbooks als Dokumentationsform, bei der Inhalt und Darstellung zueinander passen müssen. Das prüft das Gespräch: Hat das Kind seine eigene Darstellung durchdrungen, oder hat es Felder befüllt?
Damit ist auch die Frage nach KI beantwortet. Ein Kind, das seinen Text von einem Chatbot hat schreiben lassen, kann die Begriffe nicht erklären, die es abgeschrieben hat. Es weiß auch nicht, warum diese Klappe hier sitzt und nicht dort. Im Gespräch fällt das sofort auf.
Das Gespräch ist der Teil der Bewertung, den KI am wenigsten verfälschen kann. Verbieten muss man dafür nichts, man fragt nach dem Weg.
Wie das ISB die Bewertung gliedert
Bei der Bewertung ist sich die Fachliteratur erstaunlich einig. Das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung Bayern (ISB) nennt drei Ebenen, die in die Bewertung eines Lapbooks einfließen:
- Fachliche Aspekte: sachliche Richtigkeit, Breite und Tiefe des Wissens, Fachbegriffe und die Anwendung des Gelernten.
- Prozessbezogene Aspekte: Wie ist das Kind vorgegangen? Hat es selbst Material gesammelt, sich die Zeit eingeteilt und bei Problemen nach Lösungen gesucht, statt aufzugeben?
- Gestaltung: Übersichtlichkeit, Anordnung und Sorgfalt. Sie zählt laut ISB deutlich weniger als die beiden anderen Ebenen.
Eine Grenze zieht das ISB ausdrücklich: Das Arbeitsverhalten eines Kindes, also Eigenständigkeit, Zielorientierung und Sorgfalt als Persönlichkeitsmerkmale, darf aus Gründen der Objektivität nicht in die Note einfließen. Es wird im Bewertungsbogen festgehalten, aber nicht benotet.
Prozessbewertung heißt hier also: Bewertet wird, wie ein Kind mit dem Inhalt umgeht. Ob es allgemein fleißig oder ordentlich ist, wird notiert und geht nicht in die Note ein. Wer beides vermischt, landet schnell bei einer Note, hinter der vor allem ein Bauchgefühl steht.
Ein kostenloses Tool für den Bewertungsbogen
Damit diese Trennung im Alltag gelingt, habe ich ein kleines Lapbook-Bewertungstool gebaut. Es läuft im Browser, ist kostenlos, braucht kein Login und schickt keine Daten weg.
Die Kriterien folgen der Fachliteratur: inhaltliche Qualität, Prozess und Selbstständigkeit, Gestaltung, dazu auf Wunsch Präsentation und Sprache. Du kannst jedes Kriterium ein- und ausschalten, umbenennen und gewichten, denn im Sachunterricht zählt anderes als im Englischunterricht. Zu jedem Kriterium zeigt ein Info-Knopf, worauf du achten kannst.
Bewerten kannst du auf drei Arten: mit einer Ampel für die unteren Klassen, mit Punkten für eine feinere Rückmeldung oder mit einer Note, die aus den gewichteten Punkten und einem sichtbaren Notenschlüssel berechnet wird. Für das Arbeitsverhalten gibt es ein eigenes Notizfeld, das nicht in die Note eingeht, so wie es das ISB verlangt. Am Ende druckst du einen Bewertungsbogen aus. Er hat ein Feld für Feedforward, also einen Hinweis fürs nächste Mal: Was macht das nächste Lapbook besser?
Wer die Lapbooks nicht jedes Mal selbst vorbereiten will, kann den Lapbook-Generator nutzen. Er erzeugt zu jedem Thema Faltvorlagen, die man ausdruckt und von den Kindern befüllen lässt. KI baut die leere Vorlage, den Inhalt bringt das Kind hinein. In dieser Reihenfolge bleibt das Lernen beim Kind.
Was das für die Bewertung heißt
So bewertet muss man nichts verbieten und nichts überwachen. Das Kind lernt beim Gestalten, weil es sich dabei mit dem Inhalt beschäftigen muss. Der Lehrer hört im Gespräch, was verstanden wurde, und bewertet den Inhalt, wie es der Lehrplan vorsieht. Ob KI beteiligt war, spielt dann kaum noch eine Rolle, denn den Weg kann sie dem Kind nicht abnehmen.
Eine Note, die nur auf das Ergebnis schaut, war auch vor ChatGPT nicht fair. Mit KI fällt es nur stärker auf. Mehr dazu steht im Grundlagenartikel Warum das Ergebnis allein keine faire Note ergibt.