Jugend debattiert als Prüfungsformat: Hält es, wenn KI die Reden schreibt?
Einen Prüfungsvortrag lässt man sich heute in dreißig Sekunden schreiben. Man tippt das Thema ein und bekommt Gliederung, Fachbegriffe und einen sauberen roten Faden.
Ob der Prüfling versteht, was er da vorträgt, verrät der Vortrag nicht. Das zeigt sich erst, wenn man nachfragt. In vielen Prüfungsordnungen ist dafür aber kaum Platz: eine kurze Rückfrage, wenn überhaupt, dann geht es weiter im Ablauf.
Gebraucht wird also ein Teil der Prüfung, den KI nicht mitliefert: ein Gespräch, in dem jemand widerspricht. Ein erprobtes Format dafür gibt es seit Jahren, mit klaren Kriterien: Jugend debattiert. Das klingt nach einem alten Hut, passt aber vielleicht gut zu einem neuen Problem.
Ich habe mir deshalb angesehen, ob das Format als Prüfung taugt, wenn KI die Reden schreiben kann.
So funktioniert eine Debatte bei Jugend debattiert
Es debattieren vier Personen, zwei dafür und zwei dagegen. Die Streitfrage lässt sich nur mit Ja oder Nein beantworten. Es gibt keinen Moderator, dafür feste Regeln.
Die Debatte hat drei Teile:
- Eröffnungsrunde: Jeder bezieht in zwei Minuten Position und begründet sie.
- Freie Aussprache: zwölf Minuten im freien Wechsel. Die Debattanten achten selbst darauf, dass jeder zu Wort kommt.
- Schlussrunde: Jeder fasst in einer Minute zusammen, was für ihn zählt.
Bewertet wird nach vier Kriterien:
- Sachkenntnis: Weiß der Redner, worum es geht?
- Ausdrucksvermögen: Sagt er klar, was er meint?
- Gesprächsfähigkeit: Hört er zu und geht er auf die anderen ein?
- Überzeugungskraft: Sind seine Gründe nachvollziehbar?
Die vier Kriterien greifen ineinander. Wer gut informiert ist, punktet bei der Sachkenntnis, verliert aber bei der Gesprächsfähigkeit, wenn er nicht auf die anderen eingeht. Wer gut formulieren kann, glänzt beim Ausdruck. Fehlt ihm das Wissen, hat er wenig zu begründen, und die Überzeugungskraft leidet. Mit Wortgewandtheit allein kommt man deshalb nicht durch, mit Wissen ohne Zuhören auch nicht.
Im Unterricht lohnt sich das Format
Als Unterrichtsmethode halte ich viel davon.
Was dafür spricht
Die Schüler reden. Sie müssen sich in ein Thema einarbeiten, eine Haltung finden und sie gegen Widerspruch verteidigen. Zuhören müssen sie auch, denn in der Schlussrunde sind nur Argumente erlaubt, die vorher gefallen sind. So lernen sie aktiv, und sie üben die Fähigkeiten, die in jeder Kompetenzliste stehen: kritisches Denken, Kommunikation, Kooperation. Hier werden sie geübt statt besprochen.
In Informatik lässt sich das gut umsetzen. Soll man Gesichtserkennung an Schulen einsetzen? Braucht eine kleine App die Standortfreigabe? Solche Fragen haben eine technische und eine gesellschaftliche Seite, und man kann gut über sie streiten. KI darf dabei mitspielen und Argumente, Zahlen und Gegenpositionen liefern. Vertreten muss sie der Schüler selbst, im Raum und gegen jemanden, der widerspricht. Das kann ihm kein Sprachmodell abnehmen.
Was dagegen spricht
Das Format kostet viel Zeit, und es passt nicht in jedes Fach. In Ethik oder Deutsch liegt eine Debatte nahe. In Mathematik gibt es wenig zu bestreiten, weil eine Lösung richtig oder falsch ist. Das Format braucht eine Frage mit zwei vertretbaren Antworten, sonst bringt es nichts.
Als Methode würde ich es trotzdem öfter einsetzen.
Als Prüfung wird es schwierig
Bleibt die Frage, ob man mit dem Format eine Abschlussprüfung bauen kann.
Was für das Format spricht
Das Format ist von sich aus weitgehend KI-sicher, ohne dass man zusätzliche Regeln oder Verbote braucht. Die Eröffnungsrede kann man sich von KI schreiben lassen und auswendig lernen, die freie Aussprache nicht. Dort weiß niemand vorher, was die anderen sagen. Man muss auf Gegenargumente reagieren, die gerade erst gefallen sind. Die Schlussrunde verlangt, dass man zugehört und mitgeschrieben hat, weil keine neuen Argumente mehr erlaubt sind. Mit einer auswendig gelernten Liste kommt man durch die ersten zwei Minuten, danach zeigt sich, ob jemand mitdenkt.
Das können die meisten Prüfungsformate nicht von sich behaupten. Ein Endprodukt lässt sich delegieren, ein Gespräch nicht.
Was dagegen spricht
Davon gibt es einiges.
Das Format braucht vier Leute und misst jeden im Verhältnis zu den anderen. Die Note hängt also davon ab, wen man als Gegenüber bekommt. Bei einem schwachen Gegner kann die eigene Gesprächsfähigkeit nicht glänzen, weil niemand ordentlich kontert. Bei einem übermächtigen geht man unter, obwohl man gut ist. Mit nur zwei Prüflingen wird es noch schwieriger: Wenn einer liefert und der andere mauert, kann der Gute seine Stärke nicht zeigen, weil kein echtes Gespräch entsteht. Für einen Wettbewerb ist das in Ordnung, für eine Note auf dem Abschlusszeugnis nicht.
Dazu kommt der Prüfer. Sachkenntnis lässt sich halbwegs objektiv bewerten, Gesprächsfähigkeit und Überzeugungskraft kaum. Dafür braucht der Prüfer selbst ein Gespür für Gespräche, und er muss es fair auf mehrere Prüflinge gleichzeitig verteilen. Das lässt sich nicht per Handreichung anordnen.
Außerdem bleibt das Problem mit den Fächern. Ein Prüfungsformat, das nur in der Hälfte der Fächer funktioniert, taugt höchstens als Baustein für einzelne Fächer.
Warum prüfen wir einzeln, wenn wir Teamarbeit wollen?
Beim Durchdenken bin ich an einer Stelle hängengeblieben, die über das Debattenformat hinausgeht.
Das Format scheitert als Prüfung, weil die Prüfung eine Einzelleistung verlangt: einer allein im Raum, gemessen an sich selbst. Eine Debatte lebt dagegen vom Gegenüber.
Dabei reden wir ständig von Teamfähigkeit. Kooperation steht in jedem Kompetenzkatalog, die Arbeitswelt verlangt sie, und unsere Lehrpläne sind voll davon. Wo im späteren Leben sitzt jemand allein in einem Raum und beweist zwanzig Minuten lang, dass er ohne alle anderen zurechtkommt? Fast nirgends.
Wir bilden für Zusammenarbeit aus und prüfen Einzelkämpfer.
Das hat einen Grund, und es ist nicht nur Trägheit. Eine Note ist eine persönliche Bescheinigung. Der Abschluss gehört einem Menschen und keinem Team, und man will wissen, was dieser eine kann. In der Gruppe verschwimmt das. Das Anliegen ist berechtigt.
Der Widerspruch bleibt trotzdem, und er ist unbequem, weil er nicht am Debattenformat liegt, sondern daran, wofür wir prüfen. Vielleicht ist Jugend debattiert deshalb keine Lösung, sondern ein Test, der zeigt, wo die Baustelle liegt: in der Prüfung selbst.
Mein Fazit
Als Methode: gern und öfter. Als Prüfung eher nicht, jedenfalls nicht so, wie das Format aus dem Wettbewerb kommt.
Befriedigend ist das nicht. Ich hätte gern aufgeschrieben, wie man prüft, wenn KI mitschreibt, aber eine Lösung habe ich nicht gefunden. Gefunden habe ich ein gutes Format, das an der falschen Stelle nicht funktioniert, und eine Frage, die unter dem ganzen Prüfungswesen liegt und zu groß für einen Blogbeitrag ist.
Die vier Kriterien stammen aus dem Bewertungsverfahren von Jugend debattiert. Die vollständigen Unterlagen und Bewertungsbögen finden sich auf jugend-debattiert.de.
Weitergedacht habe ich in der Fortsetzung: Fachgespräch statt Debatte, ein Prüfungsformat mit fünf Nachfragen.