Ziffernnote, Zukunftskompetenzen, notenfreie Schulen: Wohin sich Bewertung bewegt
Irgendwann in den letzten Monaten ist mir etwas klar geworden, nicht plötzlich, eher so, wie sich eine Überzeugung festsetzt, wenn man lange genug hinschaut: Die Ziffernnote ist ein Symptom. Das eigentliche Problem liegt tiefer.
Mit dieser Frage beschäftige ich mich auf diesem Blog seit einer Weile. Angefangen hat es mit einem Schüler, der sein Handy über das Arbeitsblatt hielt und „Löse das“ sagte, und mit der Erkenntnis, dass wir die falsche Frage gestellt haben. Dann fragte eine Kursteilnehmerin, warum ChatGPT immer dasselbe Arbeitsblatt macht, und die Antwort war: KI spiegelt unsere Gewohnheiten. Es folgte der Moment, in dem ich aufgehört habe, vorn zu stehen, und angefangen habe zu beobachten, und ein Gespräch mit einem Fachberater, aus dem am Ende ein Tool wurde. Ich habe gemerkt, dass ein Werkzeug, das rechnet, die schwierige Frage nicht beantwortet, dass Feedback zurückschaut und Feedforward nach vorn und dass 56 Punkte in einem Klassenzimmer eine Drei ergeben und im nächsten eine Fünf, allein wegen des Maßstabs. Zuletzt ging es darum, was Kompetenzraster noch taugen, wenn KI mitschreibt.
Heute möchte ich einen Schritt zurücktreten und das Bild größer machen.
Was die Arbeitswelt verlangt
Der Stifterverband hat im Dezember 2025 das Future Skills Framework 2030 veröffentlicht. Erarbeitet haben es mehr als 50 Fachleute, bestätigt über tausend Beteiligte aus Bildung, Wissenschaft und Wirtschaft. Es nennt 30 Schlüsselkompetenzen für die kommenden Jahre, darunter kritisches Denken, Kommunikation, Kooperation, Innovationsfähigkeit, KI-Kompetenz, demokratische Verantwortung und Nachhaltigkeit. „In 90 Minuten einen Text wiedergeben“ steht nicht auf der Liste.
Das sind keine Ideale aus einem Bildungskonzept, sondern Anforderungen aus Stellenanzeigen, Unternehmensstrategien und Gesprächen zwischen Ausbildungsbetrieben und Schulen. Die Arbeitswelt hat sich neu sortiert und fragt Kompetenzen nach, die keine Klassenarbeit zuverlässig sichtbar macht.
Das Bundesarbeitsministerium hat fünf Szenarien für die Arbeit mit KI im Jahr 2030 beschrieben. In allen fünf hat Zukunft, wer sich laufend anpasst, wer gelernt hat zu lernen und wer mit Unsicherheit umgehen kann. Wer nur darauf trainiert wurde, am Stichtag die richtigen Antworten abzuliefern, hat es schwerer. Wie bewertet man das mit einer Ziffernnote?
Was andere Länder anders machen
Wir sind nicht die Ersten, die sich diese Fragen stellen, vielleicht aber die Letzten, die anfangen zu handeln.
In Finnland gibt es bis zur vierten Klasse keine Noten. Ab der fünften darf benotet werden, muss aber nicht. Erst in der neunten Klasse sind Noten Pflicht, und selbst dann nie allein: Immer gehört ein schriftlicher Kommentar dazu, der beschreibt, wo der Schüler steht und wie er weiterkommt. Kein Zeugnis ohne Worte, und keine Worte ohne Blick nach vorn. Finnland gehört in den PISA-Studien seit Jahren zur Weltspitze, und diese Art der Rückmeldung hat daran ihren Anteil.
Schweden gibt Noten erst ab Klasse sechs. Kanada setzt auf kritisches Denken statt Faktenwissen und hat eines der inklusivsten Schulsysteme der Welt. Neuseeland betont Kreativität, Individualität und praktisches Lernen. Alle diese Länder haben irgendwann entschieden: Was wir messen wollen, müssen wir erst sichtbar machen, und was wir sichtbar machen wollen, bestimmt, wie wir unterrichten.
Ist Deutschland ein Schlusslicht? Nicht unbedingt, aber spät dran, und es holt nur langsam auf.
Was in Deutschland gerade passiert
Hier wird es spannend, denn gerade passiert etwas, das vor ein paar Jahren kaum jemand für möglich gehalten hätte.
In Sachsen erproben seit Herbst 2024 elf Schulen alternative Bewertungsformen in Fächern wie Musik, Kunst, Sport, Englisch und Ethik, ohne Ziffernnoten, mit eigenen Konzepten und begleitet von der TU Dresden. Ab dem Schuljahr 2026/27 können auch Oberschulen, Gemeinschaftsschulen und Gymnasien mitmachen, in Klasse 5 und 6, in ausgewählten Fächern und wissenschaftlich begleitet. Hamburg ermöglicht notenfreies Lernen inzwischen dauerhaft. Baden-Württemberg erprobt es in 39 Grundschulen, und Niedersachsen plant mehr Spielraum bei Zeugnissen. Aus einem Thema der Bildungsforschung ist Schulpolitik geworden.
Einen wunden Punkt benennt Prof. Dr. Anke Langner von der Universitätsschule Dresden sehr direkt: Lehrern wird zugemutet, eigene Bewertungs- und Rückmeldesysteme zu entwickeln, obwohl es dafür keine erprobten Konzepte gibt. Und das im laufenden Schulbetrieb, ohne Zeit und ohne Unterstützung. An dieser Stelle kann gut gemeinte Bildungspolitik an der Praxis scheitern.
Was „Note“ ursprünglich hieß
Bei einem Wort möchte ich kurz bleiben, weil wir es auf diesem Blog anders verstehen. „Note“ kommt vom lateinischen nota: Zeichen, Merkmal, Anmerkung. Eine Note war ursprünglich keine Zahl, sondern ein Hinweis, ein Kommentar.
Irgendwann hat das Schulsystem daraus eine Ziffer gemacht, schnell, effizient und vergleichbar. Die Vier sagt, wo jemand steht. Sie sagt nicht, wohin er kommen kann, was er schon geschafft hat oder welcher nächste Schritt sinnvoll wäre.
Feedback schaut zurück, Feedforward nach vorn. Beides zusammen ergibt eine Note im ursprünglichen Sinn: eine Rückmeldung, die jemanden weiterbringt, statt ihn nur einzuordnen. Mit Romantik hat das nichts zu tun. In einer Welt, in der Endprodukte wenig aussagen, ist das die Form von Bewertung, die noch Sinn ergibt.
Was daraus für Lehrer folgt
Zurück zur Frage vom Anfang: Was wollen wir messen? Wenn die Antwort lautet, Lernwege, Entwicklung, Kompetenzen, Teamarbeit, kritisches Denken und Verantwortung, dann brauchen wir Werkzeuge dafür, und zwar jetzt.
Daran arbeite ich bei notengebung.de. Der Rückmeldungs-Generator verbindet Rückblick und Ausblick: was erreicht wurde und was als Nächstes kommt. Er ersetzt keinen Lehrer, er bereitet den schwersten Teil vor, nämlich den Anfang einer Formulierung, die mehr ist als eine Zahl. Der Bewertungsraster-Generator macht die Kriterien sichtbar, bevor bewertet wird. Nur so können Schüler ihren eigenen Lernweg verstehen. Beide Tools laufen lokal im Browser, ohne Anmeldung und ohne Cloud.
Als Nächstes plane ich eine zweite Fassung des Rückmeldungs-Generators, die gezielt auf notenfreie Bewertung ausgerichtet ist, für genau die Schulen, die gerade andere Wege ausprobieren.
Ein Anfang
Niemand muss morgen alle Noten abschaffen. Wer nur Ziffern vergibt, bewertet aber immer weniger, und wer Lernwege sichtbar macht, bewertet immer mehr. Wer das gut macht, muss keine Angst vor einer Welt haben, in der KI Aufsätze schreibt, weil er längst etwas anderes im Blick hat.
Andere Länder haben das früher begriffen. Deutschland holt auf, langsam, mit viel Bürokratie und zu wenig Unterstützung für die Lehrer, die es umsetzen sollen. Aber es passiert, und wer dabei nicht allein sein will, ist hier richtig.