Fachgespräch statt Debatte: ein Prüfungsformat mit fünf Nachfragen
In einem früheren Artikel habe ich aufgeschrieben, was an Debatten als Prüfungsformat funktioniert und was nicht (Jugend debattiert als Prüfungsformat). Am Ende blieb ein Problem offen: Sobald KI bei der Vorbereitung helfen darf, und das wird sie, sagt eine gute Rede wenig darüber aus, was ein Schüler verstanden hat. Seitdem beschäftigt mich die Frage, was man stattdessen prüfen könnte.
Mein Vorschlag ist ein Fachgespräch. Das klingt komplizierter, als es ist.
Der Ablauf: Vortrag und fünf Nachfragen
Jeder Schüler hält einen Zwei-Minuten-Vortrag zu seinem Thema, mit höchstens acht schriftlichen Stichpunkten. Für die Vorbereitung ist KI ausdrücklich erlaubt. Danach stelle ich fünf Nachfragen, die aufeinander aufbauen:
- Wiedergeben: Der Schüler gibt wieder, was er gesagt hat.
- Erklären: Er erklärt es in eigenen Worten.
- Anwenden: Er wendet es auf einen neuen Fall an.
- Übertragen: Er überträgt das Gelernte auf eine andere Situation.
- Urteilen: Er gibt ein begründetes Urteil ab.
Alle Schüler bekommen dieselbe Abfolge, dadurch lassen sich die Bewertungen vergleichen.
Wichtig ist die Steigerung. KI kann sehr gute Stichpunkte für den Vortrag liefern. Bei Nachfrage vier oder fünf hilft Nachgeschlagenes aber kaum noch, dort muss jemand den Inhalt verstanden haben.
Wer nur auswendig gelernt hat, kommt bis Stufe zwei oder drei, und da trennt sich die Spreu vom Weizen.
Das Bewertungsraster mit 100 Punkten
Ich rechne mit 100 Punkten. Die Hälfte liegt auf dem Fachgespräch, zehn Punkte für jede der fünf Nachfragen. Wer ohne Folien vorträgt, bekommt keine Präsentationspunkte.
| Bereich | Punkte |
|---|---|
| Fachgespräch: fünf Nachfragen, je 10 | 50 |
| Inhaltliche Tiefe des Vortrags | 10 |
| Präsentation und Medien (entfällt ohne Folien) | 20 |
| Prozess und Reflexion: Validierung der KI-Ergebnisse (10), erkennbare Eigenleistung (10) | 20 |
| Gesamt | 100 |
Bei jeder Nachfrage vergebe ich die Punkte über eine Ampel statt nach Gefühl: 0 bis 3 Punkte sind rot, 4 bis 7 gelb, 8 bis 10 grün. Die Ampel zwingt mich, mich festzulegen, und sie lässt sich Schülern gut erklären. Ein Mittelwert über alle fünf Nachfragen würde verwischen, was ich sehen will: an welcher Stufe jemand hängen bleibt. Für die Gesamtnote rechne ich die Punkte in Prozent um. Unter 40 Prozent ist rot, ab 80 grün.
Damit die Ampel nicht nach Laune vergeben wird, gibt es für die fünfte Stufe Ankerbeispiele. Zum Thema Vulkan etwa gibt es eine grüne, eine gelbe und eine rote Antwort auf dieselbe Urteilsfrage. Wer die drei nebeneinander liest, weiß ziemlich genau, wo die Grenze verläuft.
Was schwierig bleibt: Zeit, Redeangst, passende Themen
Das größte Problem ist die Zeit. Wenn jeder Schüler acht Minuten bekommt, sind es bei 16 Schülern schon 128 Minuten, bei 24 Schülern 192. Ich sehe meine Klasse nur eine Stunde alle 14 Tage. Die Prüfung allein würde drei Termine oder mehr brauchen, also mindestens sechs Wochen. Das ist zu viel, und deshalb konnte ich diese Variante selbst noch nicht ausprobieren.
Man könnte es anders angehen. Das ist eine Idee, keine Erfahrung: Vier Schüler bilden eine Gruppe. Einer trägt vor, zwei stellen die Nachfragen, der vierte achtet auf die Zeit. Dann wechseln die Rollen, und in einer Stunde wäre die ganze Gruppe durch. Bei 16 Schülern wären das vier Gruppen, also vier Termine, oder deutlich weniger, wenn die Gruppen gleichzeitig arbeiten. Der Lehrer geht als Stichprobe durch die Gruppen, hört hier fünf Minuten zu, dort drei, und notiert, was ihm auffällt. Zumindest zum Üben könnte das in lernstarken Klassen funktionieren.
Aus so einem Ablauf ergibt sich eine Regel, die ich für sinnvoll erachte, auch wenn ich sie nicht erprobt habe: Eine Note gibt es nur für die Nachfragen vier und fünf, und nur, wenn ich sie selbst gehört habe. Alles andere bleibt Rückmeldung mit Ampel, einer Stärke und einer Stelle zum Üben. So bleibt die Einzelleistung sichtbar, auch wenn ein Schüler in seiner Gruppe untergeht oder ein anderer dominiert.
Zwei Dinge bleiben trotzdem schwierig. Manche Schüler haben Angst vor dem Reden, und Zuhörer in der Nähe machen es schlimmer. Man könnte Hilfen anbieten: die Fragen vorher bekanntgeben, die Karte behalten lassen, in der Gruppe statt vor der Klasse sprechen. Jede dieser Hilfen verändert aber, was ich prüfe. Das Problem aus dem Debattierartikel ist damit nicht gelöst, es steckt nur an einer anderen Stelle.
Außerdem braucht das Fachgespräch eine Streitfrage, an der sich die Nachfragen festmachen lassen, und nicht jedes Thema hat eine. Ich vermute, dass es in Fächern mit klaren Ursache-Wirkungs-Ketten am besten klappt, etwa in den Naturwissenschaften und in Geschichte.
Was ich schon erprobt habe
Ausgearbeitet habe ich das Konzept in einem Unterrichtspaket, und einzelne Teile davon habe ich mehrfach in meiner Klasse eingesetzt. Das Format mit Vierergruppen ist ein Vorschlag, den ich aus Zeitgründen noch nicht getestet habe. Wenn du mehr Stunden hast als ich, probier es gern aus. Mich interessiert, wie es bei dir gelaufen ist und wo es gehakt hat. Schreib mir, was du herausgefunden hast.
In eigener Sache: Das Unterrichtspaket „Trainingsplan statt Abkürzung“ ist von mir. Diese Empfehlung ist also nicht neutral.