Wortbewertung in der Sekundarstufe: Schüler fair beschreiben, wenn man sie kaum sieht
Am Ende des Schuljahres soll ich beschreiben, wer dieser Schüler ist, was er kann, wie er lernt und wo er steht. Fair und differenziert soll es sein, in ganzen Sätzen. Gesehen habe ich ihn zweimal pro Woche für 45 Minuten, zusammen mit 27 anderen. Das Einzige, worauf ich mich wirklich stützen kann, ist die Klassenarbeit vom Februar. Daraus soll eine faire Beurteilung werden.
Warum die Wortbewertung in der Grundschule funktioniert
In der Grundschule funktioniert die Wortbewertung, weil die Voraussetzung dafür im System steckt: Ein Lehrer erlebt ein Kind jeden Tag, in Deutsch, in Mathe, im Sachunterricht, vier Jahre lang in derselben Klasse.
So entsteht eine Grundlage, ohne dass man sie bewusst anlegen muss. Du weißt, wer morgens lange braucht, bis er ankommt. Du merkst, wenn jemand den Stoff versteht, aber unter Druck blockiert. Du hast den Prozess gesehen und das Ergebnis. Eine Wortbewertung, ein Lernentwicklungsgespräch oder ein Kompetenznachweis hat dann Substanz, weil man weiß, wovon man redet.
In Klasse 5 sieht das anders aus: neue Schule, neue Klasse, fünf verschiedene Fachlehrer. Als Klassenlehrer sehe ich meine Klasse offiziell einmal pro Woche. In der Praxis geht die Stunde für Organisatorisches drauf, für Entschuldigungen, Ausflüge und die Frage, wer sein Geld noch nicht abgegeben hat. Beziehungsarbeit passiert am Rand, wenn überhaupt. Das liegt allein an der Struktur.
Ohne Beobachtung bleiben nur Floskeln
An Waldorfschulen gibt es ausführliche, individuelle Schülerberichte. Sie werden oft als Beweis angeführt, dass es geht. Es geht dort aber, weil der Klassenlehrer seine Klasse über mehrere Schuljahre in vielen Fächern begleitet und viel Kontakt hat. Der Bericht steht am Ende einer langen Beobachtung.
Wer das Format übernimmt, ohne vorher beobachtet zu haben, sitzt vor einer leeren Seite. Oder er schreibt einen Text, der so klingt, als beschreibe er jemanden, und dabei nur allgemeine Sätze aneinanderreiht: „Zeigt grundsätzlich Interesse am Unterrichtsgeschehen.“ „Arbeitet meist zuverlässig mit.“ Damit können weder der Schüler noch die Eltern etwas anfangen, und der nächste Lehrer, der den Bericht liest, auch nicht.
Ein Vorbild aus der Medizin: Erst sammelt KI, dann urteilt der Arzt
In der Medizin gibt es gerade ein Modell, das in der Schule Schule machen könnte. Der Arzt hat wenig Zeit, also führt ein KI-System vorab ein strukturiertes Gespräch mit dem Patienten, manchmal mit 80 Fragen oder mehr: Symptome, Verlauf, Umstände, was sich seit wann verändert hat, was hilft und was nicht. Der Arzt bekommt eine Zusammenfassung, keinen Roman, sondern ein verdichtetes Bild der Lage.
Diagnose, Entscheidung und Verantwortung bleiben beim Arzt. Er urteilt aber auf einer besseren Grundlage. Die Zeit ist knapp, Informationen gehen verloren, und die Sprechstunde kann unmöglich alles leisten, also sammelt vorher jemand anderes. Vor demselben Problem stehen Lehrer, wenn sie beurteilen sollen.
Welche Beobachtungen sich im Schulalltag sammeln lassen
Manche KI-Schulen in den USA, etwa die Alpha School, schicken Eltern schon heute wöchentliche Lernberichte. Darin steht, woran ein Schüler gearbeitet hat, wo er hängen geblieben ist und wo er nur die Zeit abgesessen hat. Das funktioniert dort, weil der ganze Lernprozess digital läuft und automatisch protokolliert wird, jeder Klick, jede Pause, jeder Abbruch.
Auf deutsche Schulen lässt sich das so nicht übertragen, weder technisch noch rechtlich. Auch pädagogisch stellen sich dabei Fragen, die weit über die Schule hinausgehen. Realistisch und sinnvoll ist etwas Kleineres, das aus mehreren Teilen besteht.
Beobachtungen festhalten, wenn sie passieren. Jemand erklärt einem Mitschüler etwas ungewöhnlich klar. Jemand scheitert zum dritten Mal an derselben Stelle. Jemand übernimmt in der Gruppe Verantwortung, ohne dass man ihn darum gebeten hat. Solche Momente gibt es in jeder Stunde. Sie gehen verloren, weil es nirgends einen Platz für sie gibt.
Selbsteinschätzungen der Schüler ernst nehmen. Was glaubst du, was du kannst? Wo steckst du gerade fest? Die Antworten sagen manchmal mehr als eine Klassenarbeit.
Arbeiten über das Jahr aufheben: den Entwurf vor der Abgabe, die Präsentation, das Ergebnis der Gruppenarbeit, den Hefteintrag, an dem man sieht, wie jemand denkt. Das meiste davon ist am Ende der Stunde verschwunden.
Was KI beim Verdichten leisten kann
Das Urteil und die Verantwortung bleiben beim Lehrer. Beim Verdichten kann KI aber helfen. Du gibst über das Schuljahr kurze Notizen ein, Stichworte, Beobachtungen und die Selbsteinschätzungen des Schülers. Am Ende hast du statt 30 loser Zettel ein geordnetes Bild: Was zieht sich durch? Wo hat sich etwas verändert? Was taucht immer wieder auf?
Erst dann wird eine faire Wortbewertung möglich, weil du weißt, worüber du schreibst. Der Grundschullehrer weiß es, weil ihm die Struktur die Beobachtungen liefert. Der Fachlehrer in der Sekundarstufe bräuchte ein Werkzeug, das dasselbe leistet, unter seinen Bedingungen und in der Zeit, die er hat.
Beobachten muss als Teil der Arbeit gelten
Technisch lässt sich das zum Teil lösen. Die wichtigere Voraussetzung liegt woanders. Solange Unterricht vor allem als „Stoff durchnehmen“ gilt, ist Beobachten ein Luxus, den man sich gönnt, wenn Zeit übrig bleibt, und das ist nie der Fall.
Prozessorientierte Bewertung setzt voraus, dass Beobachten zur Arbeit gehört, weil es faire Beurteilung erst möglich macht. In der Grundschule ist die Zeit dafür eingebaut. In der Sekundarstufe muss man sie sich nehmen oder Wege finden, effizienter zu beobachten. Beides geht, und beides ist nicht einfach.
Wer am Ende des Schuljahres einen Schüler fair beschreiben will, muss das ganze Jahr über hingeschaut haben. Nachträglich ersetzt das kein System.
Ein Tool, das über das Schuljahr Beobachtungen sammelt und verdichtet, wäre ein nächster Schritt für die Tools auf notengebung.de. Das Wortrad für die Schülerbeschreibung gibt es schon. Was noch fehlt, überlegen wir gerade.