
Ein Werkzeug, das rechnet. Und eine Frage, die es nicht beantwortet.
14. Februar 2026
56 Punkte. Einmal eine Drei, einmal eine Fünf.
24. Februar 2026Lesezeit: ca. 7 Minuten
Die korrigierte Klassenarbeit liegt auf dem Tisch. Der Schüler schaut kurz drauf. Note 4. Blatt zusammenfalten, in die Tasche. Ende.
Das ist Feedback in seiner reinsten – und nutzlosesten – Form. Die Information ist angekommen. Was damit passieren soll, weiß niemand so genau.
Der Rückspiegel zeigt, wo du warst
Feedback ist wertvoll. Es sagt: Das hast du gut gemacht. Hier war dein Denkfehler. So weit bist du mit den Kompetenzen. Das ist ehrlich, das ist wichtig, das braucht jeder Lernende.
Aber Feedback schaut in den Rückspiegel. Es beschreibt die Strecke, die bereits gefahren wurde.
Das Problem: Die Straße vor einem ist damit noch nicht klarer geworden.
Genau da setzt Feedforward an. Kein Gegensatz zu Feedback, sondern seine logische Verlängerung. Während Feedback sagt „Das warst du“, sagt Feedforward „Das kannst du als nächstes“. Rückschau und Vorausschau. Wo stehst du – und wo geht es hin.

Nicht neu. Aber gerade sehr aktuell.
Das Konzept ist nicht frisch erfunden. In der Pädagogik wird seit Jahren über lernförderliche Rückmeldung diskutiert, und Feedforward gehört zu den Grundgedanken kompetenzorientierter Beurteilung.
Was sich 2026 verändert: Der Druck, es tatsächlich umzusetzen, ist größer geworden.
Baden-Württemberg führt seit dem Schuljahr 2022/23 einen Schulversuch durch, an dem mittlerweile 43 Grundschulen teilnehmen. Das Modell heißt offiziell „Lernförderliche Leistungsrückmeldung“ – und Feedforward ist eines seiner Kernelemente. Die Grundschulkinder erhalten keine Ziffernnoten mehr. Stattdessen: regelmäßige Lernstandsdiagnosen, Visualisierungen des Lernfortschritts und mindestens halbjährliche Lernentwicklungsgespräche mit Kind und Eltern gemeinsam.
Nicht nur „Wo stehst du?“ – sondern immer auch „Was sind deine nächsten Schritte?“
Der Versuch ist auf vier Jahre angelegt. Die wissenschaftliche Evaluation findet genau jetzt statt, 2026. Die Ergebnisse werden zeigen, ob das Modell hält, was es verspricht: Lernmotivation stärken, Eigenverantwortung fördern, Noten als einzigen Maßstab ablösen.
Was das für den normalen Schulalltag bedeutet
Man muss kein Modellversuch sein, um Feedforward zu nutzen.
Der Unterschied liegt oft in einem einzigen Satz. Nach der korrigierten Arbeit, nach der Note, nach dem Blick in den Rückspiegel – ein Satz der nach vorne zeigt.
Nicht: „Du hast die Hauptthese nicht klar genug herausgearbeitet.“
Sondern: „Beim nächsten Mal: Schreib die Kernaussage deines Aufsatzes in einem Satz auf, bevor du anfängst zu schreiben.“
Nicht: „Die Teamarbeit hat nicht gut funktioniert.“
Sondern: „Nächstes Mal: Wer übernimmt bis Dienstag die Aufgabe, die Zwischenergebnisse zusammenzufassen?“
Der Unterschied ist nicht riesig. Aber er verändert, was im Kopf des Schülers bleibt. Nicht das Urteil – sondern die Handlungsmöglichkeit.
Feedforward braucht keine notenfreie Schule
Das ist der häufigste Einwand: Schön und gut, aber solange Noten existieren, landet am Ende doch wieder eine Zahl auf dem Zeugnis.
Stimmt. Noten gehen nicht weg. Die Abinote, der IHK-Abschluss, die Versetzungsentscheidung – das sind reale Konventionen mit realen Folgen.
Aber Feedforward ist keine Alternative zum Notensystem. Es ist eine Haltung innerhalb davon.
Wer eine Note vergibt und dabei erklärt, welche Kompetenz sich dahinter verbirgt und was der konkrete nächste Schritt wäre – der bewertet fair, klar und lernförderlich. Das kostet keine Strukturreform. Es kostet Aufmerksamkeit und etwas Zeit.
Genau das macht Feedforward auch unter realen Bedingungen umsetzbar: im Gymnasialunterricht, in der Berufsschule, im Grundschulalltag. Mit Noten oder ohne.
Warum das gerade mit KI wichtiger wird
2026 ist Feedforward aus einem weiteren Grund aktuell: KI verändert, was überhaupt noch sinnvoll bewertet werden kann.
Wenn ein Sprachmodell in Sekunden einen strukturierten Text produziert, verliert die Frage „Hat der Text die richtige Struktur?“ an Aussagekraft. Was bleibt, ist die Frage dahinter: Hat jemand verstanden, warum diese Struktur sinnvoll ist? Kann jemand den nächsten Schritt selbst formulieren?
Das ist nicht nur eine Frage der Kontrolle oder Aufdeckung. Es ist eine Frage der Bewertungsphilosophie. Wer Feedforward denkt, fragt automatisch nach Prozessen statt nach Produkten. Und wer nach Prozessen fragt, bewertet etwas, das KI nicht einfach übernehmen kann.
Ein Satz nach der Note
Feedforward muss nicht aufwendig sein. Es muss nicht in ein neues Beurteilungssystem eingebettet sein, kein Portfolio, kein Lernentwicklungsgespräch – obwohl all das sinnvoll ist.
Es beginnt mit einem Satz nach der Note.
Einem Satz, der nicht rückwärts schaut, sondern vorwärts. Der nicht bewertet, sondern orientiert. Der dem Schüler etwas gibt, das er beim nächsten Mal tatsächlich tun kann.
Der Rückspiegel gehört ans Auto. Aber fahren tut man durch die Windschutzscheibe.
Kompetenzbasierte Rückmeldungen strukturiert zusammenstellen – daran arbeiten wir gerade als nächstes Tool auf tools.notengebung.de. Mehr dazu in den nächsten Wochen.





