Individuelle Bezugsnorm: Bewerten, ohne mit der Klasse zu vergleichen
Zwei Schüler schreiben denselben Test und erreichen beide acht von zwanzig Punkten. Für den einen ist das ein Einbruch, er hatte vorher immer fünfzehn. Für den anderen ist es sein bestes Ergebnis überhaupt, er war noch nie über vier. Beide bekommen eine Fünf. Das kommt nicht selten vor, das ist Schulalltag.
Drei Maßstäbe für eine Note
Jede Note braucht einen Maßstab, sonst ist sie eine Zahl ohne Bedeutung. In der Pädagogik unterscheidet man drei solcher Maßstäbe, die Bezugsnormen:
- Soziale Bezugsnorm: Sie vergleicht mit den anderen. Wer ist besser, wer schlechter als die Klasse?
- Kriteriale Bezugsnorm: Sie misst am Lernziel. Hat jemand die geforderte Kompetenz erreicht?
- Individuelle Bezugsnorm: Sie schaut auf den eigenen Weg. Wer von vier auf acht Punkte kommt, hat sich verdoppelt, egal wo die anderen stehen.
Im Schulalltag herrscht fast überall die erste vor. Sie ist einfach, weil sie keine Dokumentation braucht, keinen Startpunkt und keinen Blick auf das eigene Vorher. Man ordnet ein und ist fertig.
Was der Vergleich mit der Klasse mit der Motivation macht
Falko Rheinberg hat in umfangreichen Studienreihen untersucht, was passiert, wenn Schüler dauerhaft an der Klasse gemessen werden. Wer immer im unteren Drittel landet, lernt irgendwann, unten zu sein, und zwar als Selbstbild, nicht nur als Einschätzung. Anstrengung fühlt sich sinnlos an, weil der Abstand zur Klasse trotzdem bleibt. Die Forschung nennt das erlernte Hilflosigkeit.
Lehrer, die sich an der individuellen Bezugsnorm orientieren, erklären Misserfolge anders. Sie suchen die Ursache in Dingen, die sich ändern lassen: zu wenig Übung, eine ungeeignete Strategie, zu wenig Zeit. Feste Eigenschaften wie Begabung spielen bei ihnen kaum eine Rolle. Der Unterschied wirkt klein, ist aber groß. Wer glaubt, dass Anstrengung etwas bringt, strengt sich an, und wer das nicht glaubt, lässt es.
Die COACTIV-Studie bestätigt das mit Längsschnittdaten von über 2.400 Schülern. Lehrer mit individueller Bezugsnorm fördern Lernmotivation und Leistungsentwicklung in Mathematik, über mehrere Jahrgangsstufen hinweg.
Wo der Maßstab besonders zählt
In einer normalen Klasse der Oberschule gleicht sich das teilweise aus. Die Leistungen liegen nicht allzu weit auseinander, und alle teilen mehr oder weniger denselben Maßstab.
In der Grundschule sieht das anders aus. Zwei Kinder, beide sieben Jahre alt, können in ihrer Entwicklung Jahre auseinanderliegen. Wer das Kind mit dem besseren Start lobt und das andere abstraft, bewertet das Elternhaus und nicht den Lernzuwachs.
An Förderschulen ist die Spanne noch größer. Die sächsische Schulordnung Förderschulen (SOFS) macht es deutlich: Dort gehört jede Leistungsermittlung ausdrücklich zur Förderdiagnostik und nicht zur Auslese. Bewertet wird anhand der Lernziele im individuellen Förderplan. Ein Kind, das das Einmaleins noch nicht kann, wird nicht daran gemessen, ob es das Einmaleins kann, sondern daran, ob es ihm nähergekommen ist. Das ist ein anderes Verständnis von Bewertung, und es steht im Gesetz.
Was sich im Unterricht ändert
Wer mit der individuellen Bezugsnorm arbeitet, stellt eine andere Frage. Statt „Wie gut ist das?“ fragt man: „Wie viel besser ist das als beim letzten Mal?“
Dafür muss man wissen, wo jemand angefangen hat. Man braucht einen Startpunkt. Eine Prüfung oder Note ist dafür nicht nötig, eine kurze Bestandsaufnahme reicht. Das können drei Sätze sein, eine Zeichnung oder ein kurzes Gespräch, Hauptsache, es hält fest, wo der Schüler gerade steht.
Sechs Wochen später kann man dann sagen: „Weißt du noch, wie du das damals gemacht hast? Schau mal, was du jetzt kannst.“ Das ist eine genaue Aussage über Entwicklung und hat mit Schönfärberei nichts zu tun. Studien zeigen, dass leistungsschwache Schüler davon am meisten profitieren. Ihre Note wird dadurch nicht unbedingt besser, aber sie erleben, dass ihr Tun etwas bewirkt.
Wo die individuelle Bezugsnorm an Grenzen stößt
Als einziger Maßstab funktioniert die individuelle Bezugsnorm nicht überall. Wer ein Abschlusszeugnis braucht, das irgendwo anerkannt wird, muss auch an festen Kriterien gemessen werden. Eine Zeugnisnote, die nur den persönlichen Fortschritt zeigt, ist in Auswahlverfahren wertlos, und das wäre den Schülern gegenüber nicht fair.
Der Pädagoge Thomas Sacher fasst es so: Im Lernprozess darf die individuelle Bezugsnorm Vorrang haben. Ohne Rückbindung an sachliche Anforderungen verliert Bewertung aber ihre Orientierung.
Die anderen Maßstäbe braucht es also weiter, man sollte sie nur klar trennen. Wo ich Lernen begleite, gilt die individuelle Bezugsnorm. Wo ich Kompetenz bescheinige, gilt die kriteriale. Und der direkte Vergleich mit der Klasse bringt nach heutigem Forschungsstand pädagogisch keinen Gewinn. Er ist eine Gewohnheit.
Was morgen schon funktioniert
Drei Dinge gehen ohne Umbau des Systems:
- Den Startpunkt festhalten. Zu Beginn einer Einheit kurz notieren, wo jemand steht. Das muss keine Prüfung sein.
- Rückmeldungen geben, die nach vorn zeigen. Also nicht „Das war gut“, sondern „Beim nächsten Mal wäre spannend, ob du die Idee aus dem zweiten Absatz noch ausbauen kannst“. Das nennt man Feedforward, es arbeitet mit dem nächsten Schritt.
- Den Lernzuwachs benennen. „Du hast heute zum ersten Mal selbst einen Fehler gefunden.“ Für ein Kind, das das noch nie geschafft hat, ist dieser Satz mehr wert als eine Zwei für das Ergebnis.
An Förderschulen ist der Förderplan das Werkzeug dafür. Er hält fest, wo jemand steht, was das Ziel ist und wie der Weg dorthin aussieht. Wenn sich die Bewertung auf diesen Plan bezieht und nicht auf die Klasse nebenan, ist sie individuell. Eigentlich sollte Bewertung immer so aussehen.
Wer dafür ein Werkzeug sucht: Der Rückmeldungs-Generator formuliert Texte, die auf Stärken und Entwicklung eingehen, ohne Vergleich und ohne Rangfolge. Den Hintergrund zur prozessorientierten Bewertung gibt es in einem eigenen Artikel.