Erklärvideo im Unterricht: Schüler beobachten und bewerten, wenn man sie nur eine Stunde pro Woche sieht
Den Namen des Schülers in der dritten Reihe kenne ich noch nicht. Er hat heute zum zweiten Mal Unterricht bei mir: Musik, eine Stunde pro Woche, vierzig Minuten netto. In sechs Wochen soll ich eine Worteinschätzung über ihn abgeben, über seine Mitarbeit, seinen Lernfortschritt und seine Kompetenzen. Ich weiß nicht einmal, ob er Links- oder Rechtshänder ist.
Eine Stunde pro Woche reicht nicht zum Beobachten
Eine Stunde pro Woche, in manchen Klassen eine Stunde alle zwei Wochen: Das ist in den Nebenfächern normaler Schulalltag. Musik, Informatik, Kunst und Werken landen oft am Ende des Stundenplans und fallen als Erste aus, wenn jemand krank ist.
Wer in diesem Rhythmus unterrichtet, kennt das Problem. Kompetenzorientiert bewerten kann nur, wer beobachtet. Dafür braucht man Zeit mit den Schülern, und zwar regelmäßig. Genau diese Regelmäßigkeit fehlt.
Einen Schüler, den ich vierzigmal im Jahr für 45 Minuten sehe und in der Hälfte davon vorne stehe, erkläre und organisiere, lerne ich kaum kennen. Eine gerechte Worteinschätzung über jemanden, dessen Namen ich mir erst im dritten Anlauf gemerkt habe, schaffe ich so nicht. Das liegt an der Rechnung, nicht am Lehrer. Die Frage ist für mich deshalb weniger, wie ich unter diesen Bedingungen fair bewerte. Ich muss zuerst einen Moment schaffen, in dem ich überhaupt etwas sehe, das ich bewerten kann.
Beim Erklärvideo kann ich zuschauen, statt vorne zu stehen
Meine Lösung dafür ist das Erklärvideo. Mich reizt daran weder das moderne Format noch, dass KI mitspielt. Es verschafft mir Zeit zum Hinschauen.
Drei Schüler arbeiten gemeinsam an einem Video: Sie suchen ein Thema, schreiben ein Drehbuch, suchen Bilder, nehmen auf und sprechen sich ab. Dabei sehe ich Dinge, die mir im Frontalunterricht entgehen. Wer führt die Gruppe? Wer gibt auf, wenn es schwierig wird? Wer bringt Ideen ein, und wer wartet, bis die anderen entschieden haben? Ich sehe, wie zielstrebig jemand arbeitet, und ich sehe, wie die Gruppe miteinander umgeht. Im fertigen Video taucht davon nichts auf. Und weil ich nicht vorne stehe, kann ich es mir notieren.
In Informatik funktioniert das, in Musik genauso. Vermutlich geht es in jedem Fach, in dem am Ende ein Produkt stehen kann.
Die Schüler brauchen kein Vorwissen
Oft höre ich den Einwand, dass das bei den eigenen Schülern nicht geht, weil sie so etwas noch nie gemacht haben. Das spricht aus meiner Sicht eher dafür.
Das Erklärvideo baut nicht auf Vorwissen auf, die Schüler erwerben es dabei. Ich kann in der ersten Stunde des Schuljahres anfangen. Einer Klasse, die noch nie mit KI gearbeitet hat, zeige ich, wie man mit duck.ai ein Drehbuch entwirft. Wer noch nie ein Video aufgenommen hat, lernt es in drei Minuten. Das Wissen über das Thema kommt beim Arbeiten dazu.
Ob ein Schüler Trompete spielen kann, habe ich in dieser Stunde nicht in der Hand. Ob er erklären kann, was eine Trompete ist, wie sie klingt und woher sie kommt, und ob er das in einem dreiminütigen Video geordnet und verständlich rüberbringt, kann ich dagegen sehr wohl beurteilen. Das sind zwei verschiedene Kompetenzen. Die zweite kann ich fair bewerten, weil ich sie beobachten und meine Bewertung begründen kann.
So habe ich in Musik angefangen
Auf dem Flügel lagen ein Mundstück, eine Ventilkappe, historische Fotos und ein kleines Modell, dazu eine Trompete und ein Flügelhorn. Mein Handy hing an einer Halterung über dem Flügel, die mich drei Euro bei Action gekostet hat. Eine Dokumentenkamera hätte es auch getan. Das Bild lief direkt auf die digitale Tafel.
Dann habe ich drei Minuten lang über Blechblasinstrumente und ihre Geschichte gesprochen. Ich habe ein Bild nach dem anderen unter die Kamera gelegt, ein Mundstück hineingehalten und kurz Trompete gespielt. Am besten kam an, dass man auch auf einer Muschel Töne erzeugen kann, weil damit niemand gerechnet hatte.
Danach waren die Schüler dran. Auf dem Tisch lag eine lange Themenliste: Instrumente, Komponisten, Musikstile, Epochen, Phänomene der Akustik und Musikgeschichte aus den verschiedensten Kulturen. Jede Gruppe hat sich ausgesucht, was sie interessiert, und nicht das, was ich für sie vorgesehen hätte.
Drei Wochen später hatte jede Gruppe ein Video. Bisher hat bei mir noch jede Gruppe ein Video abgegeben.
Wenn ein Handy fehlt oder die Technik streikt
An den Geräten scheitert es selten. In einer Dreiergruppe hat fast immer mindestens einer ein Smartphone, das filmen kann. Wer aus technischen Gründen nicht mitmachen kann oder will, hält einen Kurzvortrag mit selbst ausgedruckten Bildern. Strukturieren, erklären und präsentieren muss er dabei genauso.
Hakt es, dann meistens bei der Abgabe. Schulserver und große Videodateien vertragen sich schlecht: Uploads brechen ab, es gibt Zeitüberschreitungen und Fehlermeldungen. Wenn gar nichts geht, schaue ich mir das Video direkt auf dem Handy des Schülers an. Irgendein Weg findet sich immer.
Was ich danach über die Schüler wusste
Nach dem Projekt habe ich die Worteinschätzungen geschrieben und hatte zum ersten Mal in diesem Schuljahr das Gefühl, zu wissen, worüber ich schreibe.
Mehr Unterrichtszeit hatte ich nicht. Ich habe die vorhandenen Stunden anders genutzt, habe beobachtet und mir Notizen gemacht. Ich habe gesehen, wie eine Gruppe mit einem schwierigen Thema kämpft, und ich weiß jetzt, wer das Drehbuch dreimal umgeschrieben hat, bis es gepasst hat. Im Video steht das nirgends. Für eine gerechte Note reicht mir dieses Wissen.
Das komplette Unterrichtspaket
Wer das Projekt ausführlich vorbereiten will, mit Urheberrecht, KI-Einstieg, Bewertungsraster und druckbaren Schülerbögen, findet das komplette Unterrichtspaket bei eduki. Es enthält fünf fertige Stunden, ein digitales Dashboard für den Beamer und alle Materialien für die Schüler. Entwickelt ist es für Informatik in Klasse 7 bis 10, mit der mitgelieferten Vorlage lässt es sich aber auf jedes Fach und jede Klassenstufe übertragen.